Mein Stillstand

Im März 2020 stand die Welt still, das war auch die Zeit, in der ich stillstand. Ein Virus namens Corona veränderte ganz plötzlich so vieles. Zwei Schicksalsschläge an zwei aufeinander folgenden Tagen setzten meinen Körper, Geist und Seele lahm. Becken-, Wirbel-, Rippenbrüche, Organschäden, keine klaren Gedanken und eine völlig verwirrte Seele. So ging es mir.
Krankenhaus, Operationen, Tiefschlaf, Intensivstation, Physio-, Psychotherapie und zwölf Wochen Rehaaufenthalt – das war meine herausfordernste Zeit. Anfangs wußte ich nicht, ob ich jemals wieder gehen könnte, das wußten auch die Ärzte nicht. Ich hatte große Angst, wie es wohl weitergehen soll mit mir, deshalb fragte ich lieber nicht danach. Unsicherheit plagte mich und ich war auch immer alleine. Es durften zur Zeit von Corona keine Krankenhausbesuche stattfinden.
Meine Familie schickte mir Blumen und ich bekam Fotos von meinen Kindern. Meine Freundin schickte mir auch Blumen, ein Puzzle und positive Sprüche. Das bedeutete mir so viel und ich wünschte mir einfach, dass ich wieder zuhause sein könnte.
Nach längerer Bewegungsunfähigkeit und Ruhigstellung der operierten Brüche fing die Physiotherapeutin an, mich zu mobilisieren. Zuerst mit einem Bodylifter-Kran und dann schaffte ich es, im Rollstuhl zu sitzen – doch nur für kurze Zeit, denn meine Beine wurden bald ödematös geschwollen.
Ich fühlte mich sehr einsam, doch ich bekam so liebevolle Pflege und Betreuung vom Pflegepersonal und Therapeuten. Guter Zuspruch kam von meiner Familie, Verwandten und meiner Freundin. Alle waren sehr besorgt um mich und da war auch so ein warmes Gefühl der Hoffnung in mir, so als wäre ich gut beschützt. Erst viel später erfuhr ich, dass liebe Menschen für mich einen Heilkreis machten und andere für mich beteten.
Mein Partner und meine Eltern übernahmen unsere drei Kinder. Zuhause bei meiner Familie brachten manche Dorfbewohnerinnen Essen für unsere Kinder und so viele Menschen erkundigten sich nach mir. Ich glaube, dass ein kranker Mensch gute Taten, positive Gedanken und Gebete von anderen spüren kann und ihm das hilft.
Es war mein ganz persönlicher Tiefpunkt, wo ich Gott darum gebeten habe, dass ich wieder gesund werde und ich wieder in der Lage sein kann, meine Kinder zu versorgen. Ich sagte ihm auch: „Wenn er mich gesund werden lässt, dann glaube ich ‚so richtig‘ an ihn.“ Es war anfangs auch ungewiß, ob ich wieder gesund werde, denn ich hatte auch große psychische Schwierigkeiten. Ich mußte Psychopharmaka einnehmen. Dann habe ich alles losgelassen. Ich fing an, alle ärztlichen und therapeutischen Anweisungen zu befolgen. Nahm die Medikamente ein, fing an zu trainieren – für den Körper und die Seele.
Ich machte meine ersten Schritte mit Krücken, dann erhielt ich Gehstöcke und ich konnte es kaum glauben, als ich ohne Hilfsmittel gehen dürfte und konnte. Ich musste lernen, die Füße richtig aufzusetzen und sie drehten sich anfangs immer nach außen. Ich mußte mich bei jedem Schritt konzentrieren und die Balance halten.
Ich war zwölf Wochen im Rehabilitationszentrum, die Psychotherapeutin begleitete mich so wertschätzend. Angst- und Panikattacken begleiteten mich noch eine Weile. Das war, als ich zum ersten Mal bemerkte, wie wertvoll und kostbar ein Menschenleben ist und dass es sich lohnt, an seiner Gesundheit zu „arbeiten“.
Es ist möglich, sich das positive Denken und die Dankbarkeit anzueignen. Ich dürfte mich besser kennen lernen. So entdeckte ich, was mir gut tat. Ich lernte, wie heilend es ist, wenn sich liebevolle Menschen um uns kümmern und uns tröstende Worte oder Gesten schenken.
Als ich an mir „arbeitete“, da vergaß ich mein Versprechen an Gott, doch bald nach einem Jahr der Genesung erinnerte ich mich daran. Ich war gesund, die Kraft fehlte noch lange, doch ich fing an zu beten und mit Gott in Beziehung zu gehen.
Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, denn dadurch hat sich mein Leben zum Positiven verändert. Ich dürfte wachsen und ich konnte spüren, wieviel Liebe und Zuversicht uns andere Menschen, der Glaube oder Spiritualität schenken können. Ich glaube auch, dass wir manchmal Engel in Menschengestalt an unsere Seite gestellt bekommen, die uns weiterhelfen. So habe ich es erlebt.
Ich brauche nun im Jahr 2025 im Alltag einige Inseln der Ruhe, doch ich kann wieder gut meine Familie umsorgen. Ich stehe im Arbeitsleben und kann nun anderen Menschen Mut machen, Trost und Zuversicht geben, so wie ich es auch erhalten habe.
Für mich geht es im Leben nun sehr viel um die Selbst- und Nächstenliebe und um ganz viel Freude und Dankbarkeit für dieses Leben und für meinen Gott.
Danke!